Umweltkrise und Kapitalismus

Geld kann nicht schöner werden, nur mehr

(Diesen Artikel habe ich vor 31 Jahren zur damaligen Debatte über Umweltkrise, Kapitalismus, Öko-Steuern und dergleichen geschrieben. Mir scheint er ist – abgesehen von ein paar zeitlich bedingten Dingen – so gibt es ja die Sowjetunion nicht mehr – immer noch sehr aktuell. Schaut selber).

Die Seite 530 des 1. Bandes der MEW-Ausgabe des „Kapital“ hat in der Diskussion unter Sozialisten und So­zialistinnen seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Erwähnt doch dort Marx, dass der Kapitalismus im Zuge seiner Ent­wicklung die beiden Springquellen des Reichtums, die Ar­beiter und die Erde, systematisch untergräbt und zerstört. Die kapitalistische Produktionsweise hinterlässt eine Spur der Zerstörung auf all jenen Gebieten, die sie nicht dem Kapitalisierungs- und Verwertungsprozess unmittelbar un­terwerfen kann. Dinge, die keinen Wert haben — natürliche Ressourcen, Qualität der menschlichen Beziehungen, Klima usw. — werden als „externe Faktoren“ eingestuft und tauchen als gesellschaftliche Voraussetzungen und Fol­gen der Produktion erst dann auf, wenn Geld für die Repa­ratur bereitgestellt werden muss. Und die Dinge, die kapita­listisch verwertbar sind, werden gradlinig für die Waren-und Marktwirtschaft zurechtgeformt und ausgebeutet.

Auf der Ebene der empirischen Fakten ist dies unbestreit­bar und spätestens seit dem Beginn der 70er Jahre kann dazu auf Berichte von bürgerlichen Institutionen selbst zu­rückgegriffen werden (Bericht des Club of Rome, Global 2000, Bericht der Brundtland-Kommission, diverse Studien von UN-Organisationen). Der Haupttrend diesbezüglicher Forschung ist erstens pessimistisch und zweitens mit der einfachen Formel wiedergegeben, die im Vorwort zur deut­schen Ausgabe des jüngsten Reports vom Worldwatch Insti­tute zu lesen ist: „Mit ‚Global 2000‘ ist allen, die es wissen wollten, deutlich geworden, dass wir unsere Erde systema­tisch zugrunde richten.“ Die weltumspannende kapitalisti­sche Marktwirtschaft ist also selbst in den Augen ihrer grundsätzlichen Befürworter*innen und trotz gigantischer Entwicklung der Produktivkräfte nicht in der Lage, der Menschheit das versprochene Glück zu verschaffen. Dies gilt vorrangig für die elementaren Bedürfnisse des Überle­bens: Obwohl weltweit soviel Getreide produziert wird, dass jeder Mensch täglich 2 Kilogramm oder 3000 Kalorien haben könnte, ist eine Milliarde Menschen, davon die Hälfte akut, vom Hungertod bedroht.

Obwohl zurzeit ungefähr 70.000 Chemikalien produziert und verkauft werden und jährlich 500 bis 1.000 hinzukommen, verschlechtert sich die gesundheitliche und hygienische Versorgung für fast zwei Drittel der Bevölkerung. Und das letzte Drittel wird mit neuen Todesursachen nicht fertig (Krebserkran­kungen, Herz- und Kreislaufkrankheiten Unfälle). Gleich­zeitig werden die elementaren Medien des Lebens — Luft, Wasser, Boden beschleunigt vergiftet, zerstört und aus dem Gleichgewicht gebracht, mit großen Auswirkungen auf das Klima, auf die Nutzbarkeit für menschliches Leben.

Werden noch Armut, Analphabetentum, soziale Entwur­zelung und Kriege hinzugenommen, so ist die Bilanz der kapitalistischen Produktionsweise trotz der gleichzeitig auf­gehäuften gigantischen Reichtümer und Produktivkräfte für den größten Teil der Menschen verheerend. Der Wohlstand für die Bevölkerung im „reichen“ Teil der Welt darf über diese Gesamtentwicklung nicht hinwegtäuschen.

Es mag der Einwand kommen, dass die Entwicklung des Teils der Welt, der sich der vollständigen Beherrschung durch den Kapitalismus entzogen hat, bezüglich der Um­weltzerstörung nicht viel besser ausfällt. Das mildert aber keineswegs das beschriebene Bild. Hier sei nur angeführt — vorbehaltlich einer gesonderten Untersuchung über diese Länder — dass alle „sozialistischen“ Versuche in Ländern großer Rückständigkeit in der Produktivkraftentwicklung gestartet wurden; dass sie systematisch Angriffen der kapita­listischen Mächte ausgesetzt sind; dass ihre eigene Entwick­lung von politischen Kräften dominiert wird, die aus politi­schen Gründen der Entwicklungslogik des Kapitalismus nacheifern; dass ihre Abhängigkeit vom kapitalistischen Weltmarkt weitgehend ungebrochen ist. Dennoch ist das Ergebnis dieser bürokratisch verzerrten und isolierten Alter­native zur kapitalistischen Marktwirtschaft bezüglich der Grundversorgung der Menschen immer noch erfolgreicher als die kapitalistische Welt. Was eine Kritik dieser „soziali­stischen“ Gesellschaften natürlich nicht überflüssig macht — im Gegenteil.

Die Erde ist endlich

Die Gründe für die Zerstörung der Erde durch die kapita­listische Produktionsweise müssen in ihrer allgemeinen Wirkungsweise genauer untersucht werden.

Naturwissenschaftlich betrachtet ist der gesellschaftliche Produktionsprozess nichts anderes als ein Prozess von Ener­gie- und Stoffumwandlungen, der den Naturgesetzen unter­worfen ist. Energie und Materie können in diesem Sinne nicht produziert, sondern eben nur umverteilt und umge­wandelt werden.

Auch wenn die Erde kein geschlossenes System ist, in dem die thermodynamischen Gesetze unmit­telbar gelten, so ist doch richtig, dass alle Prozesse der Ener­gie- und Stoffumwandlung letztlich höherer Entropie zustre­ben, also dem Zustand der ungeordneten Gleichverteilung von Energie und Materie. Das Gegenteil, die geordnete Ungleichverteilung ist naturwissenschaftlich gesehen die Basis für die menschliche Produktion, für die Differenzie­rung in „Rohstoffe“, Energiepotenziale und allgemein für die Entstehung von Gebrauchswerten. Diese Prozesse der Entropiesteigerung sind irreversibel und prinzipiell endlich. Die Vorstellung, eine Gesellschaft produziere ähnlich einem perpetuum mobile ununterbrochen Reichtümer, ist also ein Irrtum und auch eine sozialistische Planwirtschaft kann sich den Naturgesetzen nicht entziehen.

Das „Ende der Welt“ mag noch in unvorstellbarer Ferne liegen, dennoch sind die Eingriffe. der gesellschaftlichen Produktion in die vorgefundene Verteilung von Energie und Materie enorm. 95 Prozent der lebenden Masse auf der Erde setzt sich aus den sechs Elementen Kohlenstoff, Sau­erstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Phosphor und Schwefel zusammen. Durch Verbrennungsprozesse wurden seit 1860 rund 185 Milliarden Tonnen Kohlenstoff freigesetzt und die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre um 30 Pro­zent erhöht. •Der jährliche Kreislauf an Stickoxiden und Schwefel aus natürlichen Prozessen wurde durch die gesellschaftliche Produktion verdoppelt. Die akribischen „Rech­nungen“ in „Global 2000″ und ähnlichen Studien über den Abbau natürlicher Ressourcen (fossile Brennstoffe, Süß­wasser usw.) enthüllen zwar teilweise lange „Nutzungszei­ten“ — angesichts der Milliarden Jahre, die zu ihrer Entste­hung führten, jedoch verschwindend kurze Zeiträume.

Vorkapitalistische Produktionsweisen beruhten auf der Produktion und dem Austausch von Gebrauchswerten Der gesellschaftlich produzierte Reichtum, genauer das Mehr­produkt über das zur Reproduktion notwendige Maß hin­aus, wuchs nur langsam. Seine Produktion und Aneignung durch die herrschenden Klassen hatte die durch den persön­lichen Konsum gesetzten engen Grenzen. Erst die kapitali­stische Produktionsweise, die Werte für einen Markt produ­ziert und wo das Ziel des Austausches nicht nur Konsum, sondern Akkumulation ist, führte zu dem gigantischen Wachstum der Produktion. Die Eingriffe in die Natur, der zweiten Quelle der Reichtümer, wuchsen und beschleunig­ten sich.

Es ist nur die Form des gesellschaftlichen Produktions­prozesses, die sich geändert hat. Das Naturgesetz, dass der Input an Energie und Materie gleich (oder genauer: größer, wegen notwendiger Prozessverluste, die sich meist als unge­nutzte Wärme ergeben) dem Output ist, hat der Kapitalis­mus nicht durchbrochen. Es ist Marx‘ Verdienst, das „Ge­heimnis dieses Produktionsprozesses gelüftet zu haben, der zugleich Arbeits- und Verwertungsprozess ist. Im Ar­beitsprozess vollziehen sieh die Energie- und Stoffumwand­lungen unter Ausnutzung der menschlichen. Arbeitskraft. lm Verwertungsprozess eignet sich der Produktionsmittelbe­sitzer die Mehrarbeit an, die die Arbeiter über die für ihre Reproduktion notwendige Zeit hinaus gearbeitet haben. Voraussetzung ist, dass die Arbeitskraft als Ware auf dem Markt erscheint und somit einen Wert hat, der in Form des Lohnes in Geld ausgedrückt werden kann; die Mehr-Arbeitszeit also in Form des Mehrwertes auftaucht. Der Sinn der Operation ist immer der, ein vorgeschossenes Kapital zu verwerten, sich den durch die Lohnarbeit erzeugten Mehrwert anzueignen und letztlich einen Überschuss, einen Profit zu verwirklichen. Die Konkurrenz unter den Produk­tionsmittelbesitzern um einen abstrakt „freien“, weil ano­nymen, aber konkret heiß umkämpften Markt, treibt zur ständigen Akkumulation und Produktion auf höherer Stufe.

Die Produktion von Tauschwerten kennt nur Quantitäten, nur in Geld ausdrückbare Größen, wobei Geld bekanntlich nicht schöner, sondern nur mehr werden kann. „Dabei ist bedeutsam, dass die quantitative Verwertungslogik des Kapitals in der Ökonomie im Zuge der Entwicklung immer mehr von der qualitativen Begrenztheit des Gebrauchswer­tes abstrahiert, ja ihre Erfüllung gerade darin finden muss, alle der quantitativen Wertsteigerung (Profit und Akkumu­lation) sich widersetzenden Kräfte technologisch zu über­winden, ökonomisch zu externalisieren, sozial zu margina­lisieren und politisch zu reprimieren.“ (E. Altvater:  L.e­bensgrundlage (Natur) und Lebensunterhalt (Arbeit)).

Für die Entwicklung der Produktivkräfte und für das Verhältnis zu den natürlichen Ressourcen hat das gravierende Folgen. Die Entwicklung der Produktivkräfte selbst wird vollstän­dig den Erfordernissen der besseren Ausbeutung der Ar­beitskraft und der Steigerung der Warenproduktion unter­geordnet. Die Natur erscheint nur als potenziell verwertbare Ressource. Dazu wird sie tendenziell immer mehr parzel­liert und rücksichtslos ausgeplündert. Die Einbettung der natürlichen Ressourcen in gewachsene Zusammenhänge, natürliche Gesetzmäßigkeiten können nur insofern berück­sichtigt werden, als Kosten für Erschließung und Ausbeu­tung ermittelt werden können.

Der kapitalistische Produktionsprozess wird dabei als re­versibler, sich ständig wiederholender Vorgang angelegt. Vorgeschossenes Kapital soll sich nach möglichst kurzer Zeit durch einen Profit vergrößert haben, damit die Sache von vorn beginnen kann. Dies muss in prinzipiellen Wider­spruch zu den irreversiblen Prozessen der Energie- und Stoffumwandlung geraten, die im eigentlichen Arbeitspro­zess ablaufen. Der Natur wird eine ihr fremde Logik aufge­zwungen. Ein Wald, wird in kürzester Zeit abgeholzt, zur Wiederaufforstung werden schnellwachsende, eingeführte Arten gepflanzt und andere Arten ausgemerzt. Eine Mine wird ausgebeutet und als Landschaftsruine zurückgelassen. Das Kapital entwickelt ein eigenes „Zeitregime“ (Altva­ter), das im Gegensatz zu den Zeitläufen der Natur gerät. Das gleiche gilt für den Raum. Der Raum für das Kapital wird durch die Eckpunkte ‚Kauf der Ware Arbeitskraft und der Produktionsmittel‘, ‚Produktion des Mehrwertes‘ und `Verkauf auf dem Markt‘ bestimmt. Natürliche Räume werden so auf Straßen, Eisenbahnen, Flughäfen, Kanäle, Gebäude usw. reduziert. Als Biotope ebenso wie als histori­sche Stätten sind sie unwichtig,

Die Entwicklung des Kapitalismus zum Weltsystem, in dem das Kapital für einen Weltmarkt produzieren lässt, führt zudem noch zu dem Diktat des Zeit- und Raumregimes des weltbeherrschenden Kapitals über alle anderen Formen der menschlichen Gesellschaft, über sogenannte „unterentwickelte“ Produktionen, über alte gewachsene Kulturen usw.

Die Entwicklungslogik der kapitalistischen Produktion, der daraus entstehende Fortschrittsbegriff wird demnach zwangsläufig in wachsenden Konflikt mit der Natur kom­men. Ist der Mensch zwar Teil der Natur, aber in jeder sozi­alen Gemeinschaft auch ihr Ausbeuter, so gerät er unter der spezifisch kapitalistischen Form des Produktionsprozesses zu ihrem Feind und Zerstörer.

Die Rationalität des Kapitals ist also bereits in ihrem kon­kreten Auftreten bei einem Einzelkapital widersprüchlich zur Natur. Für die Gesamtheit der kapitalistischen Gesellschaft kommt noch ein größerer Widerspruch hinzu. Im Kapitalismus verfolgen miteinander konkurrierende Kapitale ihren jeweiligen Weg zur Verwertung und Erzielung eines Profites. Dabei ist diese Operation durch Plan, Rationalität und Wissenschaftlichkeit, bezogen auf den konkreten Zweck, gekennzeichnet. Bezogen auf die Gesamtheit des gesellschaftlichen Lebens ist dies in der Regel jedoch höchst irrational. Den Kohlegrubenbesitzer interessiert es buch­stäblich einen Dreck, dass er die Landschaft zerstört; den Aluminiumfabrikanten, dass er den Boden mit Arsen verseucht; den Agrarindustriellen, dass er das Grundwasser mit Nitrat vergiftet usw. Für den volkswirtschaftlichen Gesamtschaden muss in irgendeiner Weise die Gesellschaft aufkommen: durch Geld, durch verlorene Gesundheit und irrever­sible Naturschäden.

Kosten für solche Folgen der kapitali­stischen Produktion sind „externe Effekte“, die weder in der Rechnung der Einzelkapitale noch in der diese rechtfer­tigenden bürgerlichen Ökonomielehre auftauchen. So ist es bereits Normalfall, dass ein Kapital die Natur zerstört und ein anderes an der Reparatur oder an den Folgen der Zerstö­rung recht ordentlich verdient, während beide das Bruttosozialprodukt steigern.

Kapitalismus und Umwelt, (herrschende) Ökonomie und Ökologie, das sind also zwei (miteinander verbundene und sich verstärkende) Widersprüche: der Widerspruch zwischen der partiellen Rationalität der Mehrwertproduk­tion und der Irrationalität des kapitalistischen Gesamtsy­stems und der Widerspruch zwischen der kapitalistischen Rationalität und der Gesamtentwicklung der Natur.

Die marxistische Kritik der kapitalistischen Ökonomie formuliert als charakteristisches Merkmal der bürgerlichen Gesellschaft den Widerspruch zwischen dem gesellschaftli­chen Charakter der Arbeit und dem privaten Charakter der Aneignung. Während einerseits ein wachsender Teil der menschlichen Arbeitskraft dem Kapital nicht nur formal als Lohnarbeit, sondern „reell“ subsumiert wird, womit Marx den Prozess der inhaltlichen Unterordnung der Arbeit unter den spezifisch kapitalistischen Weg der Produktiv­kraftentwicklung meint, bleibt andererseits das Ziel der Produktion die Aneignung des Mehrwertes durch das Kapi­tal, hinter dem eine kleine Minderheit der Bevölkerung steht.

Wobei anzumerken ist, dass sich der gesellschaftliche Charakter der Arbeit nicht unmittelbar im Sinne eines Planes beweist, sondern nur vermittelt über einen Markt, auf den bereits produzierte Waren erst einmal abgesetzt werden müssen. Darin sind eine immense Vergeudung und periodische Überproduktion angelegt, die selber große öko­logische Auswirkungen haben. Bestes Beispiel ist die Über­schussnahrungsmittelproduktion während gleichzeitig ein großer Teil der Menschheit hungert. Es ist dies ein dem Verwertungsprozess innewohnender Widerspruch.

Die Kritik der Umweltschutzbewegung — und darin so­wohl der sogenannte fundamentale, ökologistische Teil, als auch der linke oder sozialistische — hat heute den Wider­spruch zwischen dem stofflichen Teil des Produktionspro­zesses, dem eigentlichen Arbeitsprozess, und der Entwick­lung der natürlichen Ressourcen in die Diskussion gebracht. Das Kapital muss, weil nur vom Verwertungsinteresse gelei­tet, den qualitativen Aspekt der Produktion vernachlässi­gen. Auch diese „Subsumtion“ der Natur ist nicht nur for­mal im Sinne der Verwandlung in Waren, sondern „reell“ im Sinne der „ökonomischen Zurichtung“ (Altvater) der Natur, der Aufteilung in verwertbare und nicht verwertbare Teile, kurz: im Sinne der von bürgerlicher Seite als Errun­genschaft vorgetragenen „Siege“ über die Natur. Es ist dies ein dem Arbeitsprozess innewohnender Widerspruch.

Es war bereits Friedrich Engels, der bemerkte: „Schmei­cheln wir uns indes nicht zu sehr mit unseren menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat zwar in erster Linie die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz an­dere unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene er­sten Folgen wieder aufheben,“ Und weiter: „Und in der Tat lernen wir mit jedem Tag ihre Gesetze richtiger verste­hen und die näheren und entfernteren Nachwirkungen unse­rer Eingriffe in den herkömmlichen Gang der Natur erken­nen. Namentlich seit den gewaltigen Fortschritten der Na­turwissenschaft … werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt, auch die entfernteren Nachwirkungen wenigstens unserer gewöhnlichsten Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen zu lernen.“ Was Engels übersah ist, dass die „gewaltigen Fortschritte“ allenfalls als Nebenpro­dukt die „Nachwirkungen“ erkennen, messen und vor allem vorhersehen können. Hauptinhalt und Funktion dieser kapi­talistischen Natureroberung ist die weitere „Verwertung“. Die „Entfernung“ der Nachwirkungen wächst — beispiel­haft dafür der Bau von Atomkraftwerken für ungefähr 25 Jahre Betriebsdauer und die Nachwirkung von Atommüll für 25.000 Jahre. Die Zahl der Anwendungen neuer Er­kenntnisse übersteigt zunehmend die Zahl der Erkenntnisse über mögliche Folgen — beispielhaft dafür die 70.000 und täglich vermehrten Chemikalien, von denen nur wenige Tausend auf nur wenige mögliche Konsequenzen untersucht sind. Und Engels übersah auch, dass das Kapital einen spezi­fischen, nach Zeit und Raum seiner Verwertungslogik aus­gerichteten Blick für die Natur entwickelt. Für den Rest der Natur bleibt es blind und wirkt direkt zerstörerisch — bei­spielhaft dafür die Tatsache, dass allein in der BRD jeden Tag gut 100 Hektar Land neu mit Straßen, Gebäuden usw. überbaut werden.

Weil nicht Thema dieses Beitrages, sei nur am Rande erwähnt, dass sich die prinzipiell gegen das Kapital gerich­tete Arbeiterbewegung nur wenig mit den Aspekten der Umweltzerstörung durch die kapitalistische Produktion be­schäftigt hat. Das liegt im Wesentlichen daran, dass sie die meiste Zeit viel näher liegende Themen hat: Existenzsor­gen, unmenschliche Arbeitsbedingungen am Ort der Pro­duktion und vor allem der Kampf gegen die unmittelbare Lebensvernichtung durch Krieg. Auch heute sind dies in großen Teilen der Welt die bestimmenden Kämpfe. Das liegt auch an der erst in den letzten Jahrzehnten gewachse­nen Erkenntnis der Naturzerstörung.

Das liegt aber auch daran, dass die bestimmenden Teile der Arbeiterbewegung keine Notwendigkeit sahen, den „Fortschrittsbegriff“ des Kapitals, die Aspekte des stofflichen Charakters des Pro­duktionsprozesses zu problematisieren. Die großen refor­mistischen Parteien und Gewerkschaften hatten aufgehört, die Herrschaft des Kapitals außerhalb ihrer Sonntagsreden in Frage zu stellen. Sie versprachen sich durch fortschrei­tende Investitionen und Wachstum bessere Chancen für ih­ren Kampf um einen höheren Anteil am gesteigerten Reich­tum für die Arbeiterklasse. Die revolutionären Regimes in der Sowjetunion, wie später in China, Kuba und heute Nikaragua wurden bzw. werden erdrückt durch elementare ökonomische Notwendigkeiten und Angriffe von außen. Die heutigen bürokratischen Arbeiterstaaten mit zentraler Planwirtschaft bedienen sich beinahe karikierend der Logik der Quantitäten bezüglich der Wirtschaftsentwicklung. Die starre bürokratische Herrschaft lässt sich damit leichter absi­chern, weil unbefriedigte Bedürfnisse der Menschen in einem Wettkampf der Systeme“ kanalisiert werden kön­nen. Qualitative Planung und Befriedigung der umfassen­den Bedürfnisse der Menschen setzen ein Höchstmaß an de­mokratischen Freiheiten und Willensbildung von unten nach oben voraus.

Die Menschen sind schuld

Der beschleunigte Marsch in die ökologische Katastrophe bringt eine Fülle von Erklärungs- und Lösungsvorschlägen hervor. Sie sind sozusagen Teil der Krise (und einige Politi­ker*innen, Autor*innen, Verlage usw. leben nicht schlecht davon). Die bürgerliche Wissenschaft bevorzugt den „methodi­schen Individualismus“. Hier sollen nicht die biologischen Erklärungen diskutiert werden, wie sie zum Beispiel Kon­rad Lorenz oder H. von Ditfurth verbreiten, nach deren Auffassung die biologische, evolutionsbedingte Struktur des Menschen diesen grundsätzlich zum naturfeindlichen Handeln bringt.

In dieser fatalistischen Grundhaltung steckt höchstens eine bedenkenswerte Anregung, wenn wir uns mit der „orthodoxen“ Vorstellung auseinandersetzen, eine klassenlose, sozialistische Gesellschaft mit gebrauchswert-produzierender, geplanter Ökonomie wäre automatisch eine mit den „Naturkreisläufen“ im Einklang befindliche „Kreislaufgesellschaft“. Diesen Einklang und diesen Auto­matismus wird es nicht geben. Die Formel aus einem Öko­logie-Buch der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutsch­lands, „Im Sozialismus werden die Menschen die Herren (sic) der Natur“, hat deshalb beinahe ähnlich fatalistischen Wert. Vielmehr ist zu jeder Zeit, in jeder Form der mensch­lichen Gesellschaft ein hohes Maß an „systemischer Intelli­genz“ erforderlich, um die Herausforderungen der Natur und der gesellschaftlichen Produktion rational zu bestehen. Die Population von fünf oder noch mehr Milliarden Men­schen wird in jedem Fall ein gravierend in die Natur ein­greifender, gestaltender und in diesem Sinne „störender“ Faktor sein.

Ob jedoch die heutige Form der Gesellschafts­organisation mit ihrer Zersplitterung in die Teilrationalitä­ten der Kapitale, der Nationalstaaten, der Märkte (die Ditfurth zum Beispiel als „konkurrenzloses Modell“ ansieht), die im Widerspruch zur Rationalität des Ganzen stehen, notwendig, unvergänglich oder änderbar ist, darum geht die Debatte.

Die dümmste, aber hartnäckigste „Erklärung“ für die Umweltkrise aus ökonomischer Ecke passt zur biologischen Misanthropie, Die „Verbraucher“ seien schuld. Sie wür­den schließlich nach Autos, Plastikverpackungen, Einweg­flaschen und allem, was es sonst noch so gibt, verlangen. Es gibt in diesem Verständnis deshalb die Schlussfolgerung, die Umweltkrise durch Verbraucheränderung zu beheben. Kurt Biedenkopf, der sich gern „CDU-Vordenker“ nennen lässt, beteuert: „Marktwirtschaftlicher Umweltschutz bedeutet marktwirtschaftliche Neuorientierung von Kaufkraft zugun­sten der Umwelt und zu Lasten bisher befriedigter Individualbedürfnisse“ . Oder seine Parteikollegin Birgit Breuel wünscht sich „Mechanismen, mit denen die Bürger und die Unternehmen aus Eigeninteresse umweltfreundlich han­deln“.

Der Versuch, die Individuen zum „öko-gerechten“ Ver­halten zu- formen, blüht am schönsten in den Reihen der engagierten Umweltschützer*innen. Es gibt mittlerweile einen endlosen Katalog darüber, was nicht getan, nicht ge­kauft, nicht gegessen und nicht angezogen werden darf. Jüngst fand in Berlin ein Kongress von „Öko-Wissenschaft­ler*innen“ über den „umweltgerechten Konsum“ statt. Sein Fa­zit war ernüchternd. Die Vermeidung der Umweltzerstörung durch individuellen Kraftakt der Verbraucher scheitert bereits im Ansatz. Die oberflächliche Erklärung dafür gab der Soziologe Helmut Wiesenthal: Der „ökologische Kon­sum bleibt ein Allgemeininteresse ohne Mobilisierungs­kraft“, „da alle potenziell Beteiligten in rationalen Überle­gungen zu dem Schluss gelangen, ihr Beitrag sei entweder vergeblich oder überflüssig, ist das Ergebnis rationale Pas­sivität.“ Wenn keiner mitmacht, braucht es der Einzelne auch nicht; wenn alle mitmachen, kann der Einzelne ruhig ausscheren. Das entspricht der gewollten oder ungewollten Karikatur vom Tempo 100 auf Autobahnen — eine Maßnahme, die nach jüngsten Schätzungen sofort 26 Millionen Tonnen weniger Emissionen pro Jahr ergäbe — die der se­lige Franz-Josef Strauß seinerzeit für die „Bild-Zeitung“ gab: „Ich habe Tempo 100 getestet“, frohlockte er, um dann von Hupen, Vogelzeigen und lebensgefährlichen Manövern der Mitfahrer*innen zu berichten.

Doch diese Erklärung des „ökologischen Konsums“ als Lernprozess mit tödlichem Ausgang ist nur oberflächlich. Dahinter steht die Tatsache, dass im Kapitalismus die Ver­braucher*innen das letzte Glied der Kette im Produktions­prozess sind. Gleichzeitig sind sie als Arbeitskraft in die Teilrationalität der Kapitalverwertung einbezogen, entwic­keln also ein Eigeninteresse an dem Erhalt „ihres“ Betrie­bes, auch wenn er die Umwelt beschädigt oder schädliche Produkte erzeugt.

Neben diesen direkten Beziehungen sind im Kapitalismus die Bedürfnisse vollständig deformiert, oder wie Marx ausführt: „Nicht nur der Gegenstand der Konsumtion, sondern auch die Weise der Konsumtion, wird daher durch die Weise der Produktion produziert, nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv. Die Produktion schafft auch den Konsumenten.“ Die Entfremdung der Menschen von ihrer eigenen Arbeit und deren Produkten führt zu dem zynischen Verhältnis gegenüber der Natur und selbst gegen­über dem eigenen Körper. Der Ausstieg aus dem vom Kapi­tal diktierten Konsum ist demnach genauso schwer indivi­duell zu bewerkstelligen wie der individuelle Ausstieg aus der Produktion.

Die umfangreiche Produktkritik und die Aufklärung, sich umweltfreundlich zu verhalten, sind aber trotzdem nicht zu verdammen. Sie zeigen bescheiden an, was alles möglich wäre. Eine Bewältigung der Umweltkrise ist damit jedoch kaum zu erreichen.

Ökologische Marktwirtschaft

Es müssen also die „institutionellen Rahmenbedingun­gen“ — so das Fazit des erwähnten Konsumkongresses —geändert werden. Auch da bietet die Marktwirtschaft eine Reihe von Vorschlägen an.

Zunächst entsteht die simple Idee, die Reparatur der Umwelt zu einem neuen Geschäft zu machen. „Wo ein neues Bedürfnis entsteht, erkannt und befriedigt wird, bil­det sich ein neuer Markt“, erklärt der Leiter der For­schungsgruppe Umweltökonomie beim Ifo-Institut, R. Sprenger. Der Markt ist sicher gewaltig. Nach Schätzun­gen des Direktors am Umweltbundesamt, L. Wicke, auch ein strenger Marktwirtschaftler aus den Reihen der CDU, entsteht jährlich ein Umweltschaden von 100 Milliarden Mark. (Dem stellen andere Rechnungen jährliche Ausgaben der Industrie von 50 Milliarden entgegen, die aufgrund von Auflagen und EG-Verordnungen für den Umweltschutz notwendig seien.) Wird das mit dem „Bedürfnis“ ernst genommen, so sollten wir darüber froh sein und hoffen, dass der Markt ein ewiger ist. Wir bezweifeln jedoch zuerst die 100 Milliarden.

Wenn schon die Umweltzerstörung quantifiziert wird, ist eine höhere Größenordnung angesagt, Das Umweltbundesamt schätzt zum Beispiel den Vermögenswert des deutschen Waldes (auch so etwas wird in Geld aus­gedrückt!) auf 200 Milliarden Mark. Gleichzeitig ist die Hälfte davon krank und am Sterben. Allein der jährliche Schaden durch Luftverschmutzung wird auf 40-70 Milliar­den geschätzt. Für die Nordsee wird ein Sanierungspro­gramm von 20 Milliarden gefordert, für die Sanierung der sogenannten Alt-Mülldeponien mindestens 17 Milliarden, für Gewässerschutz 30, für Luftreinhaltung 16, für Lärm­schutz 8, für Abfallbeseitigung 10, für Energiesparmaßnah­men und Fernwärme 165, für Verkehrsberuhigung und Radwege 100 und für Wohnungsbau und Dorferneuerung 285 Milliarden Mark (Zahlen vom hessischen Umweltmini­sterium 1983 aus einem der vielen aktuellen Umweltschutz­kataloge). Selbst wenn dafür eine Laufzeit von mehreren Jahren angenommen wird, ist das Volumen gewaltig und viele Maßnahmen fehlen noch (Chemie-Entgiftung, Boden­sanierung, Programme gegen Suchtkrankheiten, Verände­rungen im Arbeitsprozess der Betriebe usw.).

Der Markt wäre also da, das „Bedürfnis“ ist überreif. Kapital fließt aber nur in diese Bereiche, wenn dort ein ak­zeptabler Profit zu erwarten ist. Trotz der schönen Formulierungen vom „Umweltschutz als Zukunftsindustrie“, die besonders SPD und Gewerkschaften vortragen, ist der Pro­fit anderswo jedoch größer und sicherer, und zurzeit sind für 800 Milliarden Mark Spekulation und Geldgeschäfte immer noch die „bessere Alternative“.

Es gibt keinen an­deren Grund als die Profite der Unternehmer, dass weiterhin nahezu unvermindert Fluorchlorkohlenwasserstoffe, die die Ozonschicht der Atmosphäre zerstören, Formaldehyd, das Krebs erzeugt, Asbest, das die Lungen zerfrisst und die vie­len anderen Umweltgifte produziert werden; dass Straßen gebaut, Wälder abgeholzt, Großkraftwerke installiert und dass Suchtmittel wie alkoholische Getränke und Tabakwaren produziert werden. Die realen ökonomischen Relationen und die Interessen aller großen Konzerne verlegen den Umweltschutz als Markt ins Unbedeutende.

Im Übrigen gehen die Umweltschutzinvestitionen zurück. Sie hatten ihren Höhepunkt Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre, seitdem sinkt die Kurve. Nach einer Studie der OECD ist dies in allen großen kapitalistischen Staaten der Fall, besonders krass in den USA unter Reagan, und betrifft sowohl Ausgaben der Unternehmen als auch der öffentli­chen Haushalte. Nach einer anderen, BRD bezogenen Stu­die, wird 1986/87 als Hochpunkt ausgegeben.

Interessant ist auch, was für ein Umweltschutz durch den Markt gefördert wird. Es sind nur der sogenannte „nach­sorgende Umweltschutz“ oder die „end-of-the-pipe-Tech­nologien“. 75 Prozent der Umweltschutzinvestitionen fal­len in diesen Bereich. Das beginnt bei den hohen Fabrik­schornsteinen, die vor langer Zeit den Himmel über der Ruhr wieder blau machen sollten (Willy Brandts Wahl­kampfschlager 1961), den Dreck jedoch nur etwas weiter wegbliesen und findet heute im Katalysator am Ende der Auspuffrohre der Automobile seine Fortsetzung. Rauchga­sentschwefelung, Müllverbrennung, Filtertechnik und all die schönen Dinge von den Umweltmessen gehören zu die­sem Reparatur- und Nachsorgemarkt. Die wirksamen Maß­nahmen im Bereich der Vorsorge, wie zum Beispiel Müll­vermeidung, Produktionsumstellung, Altlastenbeseitigung, melden sich marktwirtschaftlich gesehen nicht als „Bedürf­nisse“. Ganz zu schweigen von grundsätzlichen Verände­rungen in der Struktur des Verkehrswesens, der Energie­versorgung, des Gesundheitsdienstes und allgemein der Konsumbedürfnisse der Menschen.

Das Vertrauen in die Marktmechanismen, in den Um­weltschutz als Zukunftsindustrie mit Reparatureffekt, ist folglich verfehlt. Das muss auch deshalb so sein, weil die zeitlichen Vorstellungen, in denen im Umweltschutz inve­stiertes Kapital verwertet sein soll, und die zeitlichen Di­mensionen der Reparatur und Erneuerung der zerstörten Umwelt stark differieren. Wenn die Unternehmen heute sagen, sie können bis zum Jahre 2010 auf die Fluorchlor­kohlenwasserstoffe in der Produktion verzichten — was nur marktwirtschaftlich gesehen ist, denn technisch ersetzbar wären sie sofort — dann sind bis dahin schon gravierende neue Umweltschäden aufgetaucht und die alten haben sich verschärft.

Weil dies alles nicht ausreicht, gibt es in den Reihen der bürgerlichen Ökonomen noch eine Reihe weiterer Überle­gungen. Sie sehen sich einerseits der zunehmenden Um­weltzerstörung und andererseits dem Druck der Ökologiebewegung, die politische Maßnahmen fordert, ausgesetzt. Auflagen, Verbote, Grenzwerte passen jedoch nicht in die Marktphilosophie und widersprechen der aktuellen Offen­sive für eine breit angelegte „Deregulierung“. Ihre „Lö­sung“ besteht darin, die bisher „externalisierten“ Kosten, das bedeutet den gesamtgesellschaftlichen Schaden, der bis­her von der „Allgemeinheit“ getragen wurde, zu „interna­lisieren“. Die natürlichen Ressourcen, Luft, Wasser, Bo­den usw. müssen einen Preis erhalten, müssen „in Wert gesetzt“ werden. Weil, so ihre Logik, die Natur „knapp“ geworden ist, muss sie in die ökonomische Kalkulation der Unternehmer miteinbezogen werden. Der Gedanke, den noch nicht in Form von Rohstoffen, Nahrungsmitteln usw. vermarkteten Rest der Natur in kleine käufliche Einheiten zu parzellieren, liegt zwar nahe, stößt jedoch auf Schwie­rigkeiten. Luft, Boden, Klima und dergleichen sind außer­halb des allgemeinen Marktaustausches. Wie sollen da „ge­rechte“ Preise entstehen? Künstliche, politisch festgelegte Preise sind aber prinzipiell umstritten und damit falsche Preise.

Deshalb werden „Verschmutzungsrechte“ gefordert (zum Beispiel vom erwähnten L, Wicke, oder dem Ökono­men Holger Bonus). Jedes Unternehmen kauft (oder, nach anderen Vorschlägen, erhält kostenlos) Zertifikate, die zu einer bestimmten Menge von Schadstoffemissionen be­rechtigen. Die Zertifikate sind wie Aktien zu erwerben und weiterzuverkaufen. Die extremsten Theoretiker*innen träumen von einer richtigen Umweltbörse und von Umweltmaklern. Der Staat müsse nur noch bestimmte Grenzwerte an höchst­zulässigen Emissionen festlegen, die je nach dem Stand der Technik verändert oder stufenweise verschärft werden kön­nen, Den Rest regelt der Markt. Die stark verschmutzenden Unternehmen werden gezwungen, viele Zertifikate zu er­werben, um weiter produzieren zu können, Die „fort­schrittlichen“ Unternehmen können Zertifikate verkaufen (wobei natürlich auch Spekulation, Zurückhalten der Zerti­fikate und sonst allerlei Unfug möglich ist). Auf diese Weise entsteht ein Anreiz, technische Anlage zu verbes­sern, Produktionen umzustellen oder einzuschränken.

Damit der Einzelunternehmer flexibler wird, schlagen die be­rühmten „Fünf Weisen“ vor, ein „Glockenmodell“ einzu­führen, das für jede regionale, zusammenhängende Gruppe von Unternehmen die Gesamtbelastung bei Vollbetrieb ermittelt und dann einen Grenzwert festlegt. Welches Un­ternehmen dann mittels Zertifikatskauf Dreck abgeben darf und welches nicht, ist im Einzelfall regelbar. Das Ergebnis ist die Vermarktung der Umweltverschmutzung. Ist die „Nachfrage“ nach Dreckausstoß groß, werden die Zertifi­kate teuer, ist sie gering, fallen die Preise. Unternehmen. die Zertifikate verkaufen, können Umwehschutzinvestitio­nen finanzieren. Wenn der politische Wille die Schadstoffe verstärkt reduzieren will, können die Mengen an Ver­schmutzung pro Zertifikat per Beschluss abgewertet wer­den.

Eine solche marktwirtschaftliche Regelung ist zunächst nichts als eine Verteilung der Umweltverschmutzung über einen Markt. Von Umweltsanierung oder -schutz kann keine Rede sein. Aber sie wird auch kaum so funktionieren, wie es auf dem Papier aussieht. Wie sollen zum Beispiel ir­reguläre Verhaltensweisen geahndet werden? Spekulation, Horten von Zertifikaten, damit keine Konkurrenz produzie­ren kann, internationale Aufkaufaktionen — die durchaus auch von Umweltschutz-Konzernen wie Greenpeace oder WWF erfolgen können, die bereits in der Realität Verschul­dungstitel von abhängigen Ländern aufgekauft haben, mit der Bedingung, dafür Umweltschutzmaßnahmen zu ver­wirklichen — und vieles mehr ist denkbar. Da muss ein Umweltkartellamt her. Wie sollen die Schadstoffemissio­nen kontrolliert werden, auf welche Schadstoffe werden die Zertifikate bezogen, wie ist es mit kombinierten Wirkungen mehrerer Stoffe? Die Unternehmer müssten tun, was sie zurzeit gegen die Forderung der Umweltbewegung energisch abzuwehren versuchen: eine genaue Emissions- und Scha­densbuchführung, die auch einer Kontrolle durch öffentli­che Organe zugänglich wäre.

Beinahe überflüssig festzustellen, dass das große Feld der Altlastensanierung von dieser Marktregelung ausgenom­men bleibt und dass ökonomische Zeitregelungen und ökolo­gische Zeiten hier auch nicht kompatibel sind. Jede auch nur mittelfristige Umweltreparatur und Produktionsumrü­stung ist durch die Zertifikatswirtschaft nicht mehr vermit­telbar.

Voraussetzung auch einer solchen Marktregelung bleibt aber die politische (künstliche) Festsetzung zulässiger Schadstoff-Höchstwerte. Dass die Kombination dieser Poli­tik mit der Anarchie des Marktgeschehens zu weniger Re­gulierung, weniger Aufsicht und Bürokratie führen soll, ist überhaupt nicht einzusehen.

Steuern kann man steuern

Als Trost bleibt, dass die konsequenten Umweltvermark­ter nur Theoretiker*innen sind. Ihre mehr pragmatischen Gesinnungsfreund*innen „beschränken sich auf die Formel „Abga­ben statt Auflagen“. Sie favorisieren ein mehr oder weniger dichtes Netz an Umweltsteuern. Die SPD-„Expertin“ In­grid Matthäus-Maier: ,,Der Verschleiß von Luft, Wasser und Boden hat keinen Preis; eine Schädigung dieser Res­sourcen schlägt deshalb nicht auf die Kosten des Produktes durch.“ Deshalb sollen neben der bestehenden Abwasser­abgabe eine Reihe weiterer Steuern erhoben werden. Die Grünen fordern zusätzliche Steuern auf Abluft, Verpackung und die Verwendung von Grundchemikalien sowie Energie­verbrauchssteuern. Andere Vorschläge fordern Steuern auf Stick- und Schwefeloxidemissionen. Das Öko-Institut Frei­burg listet sogar 32 spezielle Steuern für Umwehbelastun­gen auf. Biedenkopf von der CDU will prüfen, „kann ich Steuern und Abgaben so gestalten, dass ich eine ökologische Verträglichkeit verwirkliche, ohne die beiden anderen Di­mensionen der Marktwirtschaft — Wirtschaftlichkeit und Sozialpflichtigkeit — zu beeinträchtigen?“

Die Steuern haben in der Regel eine Finanzierungs­funktion. Sie sollten deshalb so bemessen sein, dass die Un­ternehmer sie auch zahlen, damit das Staatssäckel Geld für Umweltschutzmaßnahmen erhält.  Sind sie so hoch, dass es ökonomisch ratsamer ist, auf eine bestimmte Produktion zu verzichten oder technisch nachzurüsten, so wird aus der Steuer eine Abgabe, deren Funktion im besagten Anreiz liegt, mit der Umweltverschmutzung aufzuhören. Abgaben werden eingeführt, sich nach einiger Zeit selbst überflüssig zu machen.

Je marktfreundlicher die entsprechenden Theo­retiker*innen sind, desto mehr setzen sie auf Steuern; die marktkritischen Ökologinnen begünstigen dagegen ein Sy­stem von Abgaben. Steuern und Abgaben gemeinsam ist ihr Effekt, sowohl Unternehmer als auch die Konsumenten der Endprodukte zu treffen. Denn natürlich werden die zusätzlichen Kosten auf den Verkaufspreis aufgeschlagen, wie es bei jeder indi­rekten Steuer geschieht, Von indirekten Steuern gibt es ne­ben der Mehrwertsteuer (die in der BRD ein Viertel der Steuereinnahmen einbringt) heute bereits reichlich. Eine Auswahl: Kaffeesteuer, Biersteuer, Schaumweinsteuer, Feuerschutzsteuer, Zuckersteuer, Leuchtmittelsteuer, Ver­gnügungssteuer, Getränkesteuer, Teesteuer, Salzsteuer, Kinosteuer, Kraftfahrzeugsteuer, Mineralölsteuer, Brannt­weinabgaben, Tabaksteuer und einige mehr, die ungefähr die Hälfte aller Steuereinnahmen ausmachen. Wenn die Verbraucher bestimmte Produkte nicht mehr kaufen, bleibt der Unternehmer auf seinem Dreck sitzen und muss zusätz­lich Abgaben zahlen, Ihm wäre zu raten, seine Produktion zu ändern.

Gegen die Abwälzung der Umweltsanierungskosten auf die Verbraucher sollte von sozialistischer Seite prinzipiell Einwand erhoben werden. Sie tragen — siehe oben — keine Verantwortung für die Naturzerstörung, sondern leiden darunter. Die alte Forderung der Arbeiterbewegung, alle indirekten Steuern abzuschaffen, zugunsten einer progressi­ven Besteuerung der realen Einkommen bleibt auch heute noch aktuell, Die Erziehung über den Geldbeutel erzeugt obendrein gerade das ökonomisch zugerichtete Verständnis der Natur, das der kapitalistischen Produktionsweise eigen ist.

Richtig sind auch die Einwände, die vom Bundesver­band der Industrie kommen — von dort aus wohl eher mit anderen Motiven: Die Wirkung von Steuern sei allenfalls sehr langfristig. Es sei ein gewaltiger bürokratischer Auf­wand zur Eintreibung und Kontrolle nötig. Schon eher bor­niert auf die eigene Dreckproduktion sind die „Argumente“ von Konrad Henkel, der Vorteile seiner ausländischen Kon­kurrenten wittert, „wenn die Verarbeitung solcher Grund­stoffe im Inland besteuert wird, aber nicht die Einfuhr wei­terverarbeiteter Produkte aus dem Ausland.“.

Letztlich versagen Umweltsteuern genauso wie die Zerti­fikatswirtschaft bei grundsätzlicher Umorientierung der Produktion, bei der Altlastensanierung und bei Schäden, die nicht genau zuzuordnen oder umstritten sind.

Um dieses Defizit zu tilgen, werden insbesondere von den Grünen Zweckbindungen vorgeschlagen. Der Staat soll die zusätzlich eingenommenen Gelder ausschließlich für umweltschützende und reparierende Maßnahmen, gegebe­nenfalls auch für Subventionen an umrüstwillige Unterneh­men verwenden. Dann wäre es jedoch unkomplizierter und unbürokratischer, die Gelder direkt bei den Unternehmern zu holen. Denn Sturm gegen solche Zweckbindungen lau­fen die Unternehmer allemal. Würden sich schlichte indirekte Steuern nicht nur problemlos auf die Verbraucher abwälzen lassen, sondern, wie der alte Hosenfabrikant Mül­ler-Wipperfürth so treffend bemerkte, „Steuern lassen sich steuern“, so sind zweckgebundene Abgaben unternehmer­feindlicher Dirigismus. Dies gilt noch mehr für hohe Strafabgaben, die den Unternehmer zwingen sollen, auf Dreckerzeugung zu verzichten — die eine unter Umständen sinn­volle direkte Abschöpfung sein können, wenn sie mit Re­glementierung bezüglich der Abwälzung auf die Preise ver­bunden sind.

Generell ist ein weiteres Mal anzufügen, dass auch die Öko-Steuern und vor allem Abgaben an den Anfang eine bewusste Politik setzen, die sich reale Machtorgane schaffen muss, ihre Ziele gegenüber dem Kapital auch durchzuset­ze. Wie anders sollen die notwendigen drastischen Maß­nahmen und die lückenlose Kontrolle verwirklicht werden?

Brunnenvergifter und Lebensmittelfälscher

 Die legale Welt des Kapitalismus zerstört also grundsätz­lich die Natur, und eine Selbstkorrektur ist ebenso wenig zu erwarten wie eine die Umwelt rettende Wirkung durch Sti­mulierung einzelner Mechanismen der Marktwirtschaft. Bleibt zum Schluss ein kleiner Ausblick auf die kriminelle —nach bürgerlichem Recht — Seite der Medaille. Mehrere Marxist*innen (so E. Mandel in „Der Spätkapitalismus“) haben für den gegenwärtigen Kapitalismus eine grundsätzlich veränderte Haltung des Einzelkapitalisten oder Unter­nehmens gegenüber dem Staat festgestellt. Heute beschäf­tigt jedes mittlere Unternehmen einen Trupp von Speziali­stinnen, der ausschließlich das Umgehen von staatlichen Auflagen, von Steuergesetzen und Vorschriften erkunden und sicherstellen soll. Dies gilt in der Umweltpolitik ver­stärkt. Im Bereich der Umweltsicherung und Schadensbe­grenzung gibt es mittlerweile ein dichtes Netz von Verord­nungen, Grenzwerten und EG-Vorschriften. Die sind vom ökologischen Standpunkt sicher mehr als unzureichend, vom Standpunkt des Unternehmens jedoch lästig. Deshalb wächst das Feld der Umweltverbrechen. Dabei taucht die schon von Marx angeprangerte Lebensmittelverfälschung auf (zuletzt waren die gepanschten Weine und das hormon­angereicherte Fleisch in den Schlagzeilen) als auch illegale Abfallbeseitigung (einschließlich der weltweit operierenden Atommüll-Mafia), heimliche Einleitungen und Abgas-Ab­gaben. Die Bußgelder (maximal 100.000 DM) werden not­falls aus der Portokasse bezahlt. Jedoch werden über 80 Prozent der Umweltverbrecher nicht belangt, weil sie ent­weder nicht ermittelt werden oder sich rausreden können.

Die Möglichkeiten der Kontrolle und Überwachung sind generell schwach. Wenn der frühere Umweltminister der Grünen, Fischer, beispielsweise beklagt, dass allein die ent­sprechende Abteilung beim Chemie-Konzern Hoechst um einiges größer ist, als „sein“ Umweltministerium, wird klar, wie die Machtverhältnisse aussehen. Es gibt keine Beweispflicht beim Umweltzerstörer, dass seine Produkte unschädlich sind, sondern umgekehrt müssen die Opfer beweisen, dass sie von einem konkreten Stoff aus einer kon­kreten Anlage geschädigt wurden.

Die Kombination von technischer Unzulänglichkeit, kri­mineller Auflagenverletzung und Arbeitshetze bei den Be­schäftigten ist in fast allen Fällen die Ursache für Unfälle mit mehr oder weniger großen Auswirkungen auf die Um­welt. Für die Schäden muss auch hier die „Allgemeinheit“ aufkommen.

Die kriminellen Aspekte des Verhältnisses von Kapitalis­mus und Umwelt sind jedoch, wie allgemein auch, nur eine verkürzte, unverhüllte Illustration der generellen Zustände. Kapitalismus und eine Wiederherstellung der natürlichen Umwelt sind deshalb nicht vereinbar.

Thies Gleiss, Dezember 1988fullsizeoutput_a9